Angsttagebuch 1

Jetzt ist sie wieder da die Angst. Und mein Körper lässt mich das voll spüren. Mein Kopf fühlt sich heiss an, als würde ich Kopfweh bekommen. Im Hals hockt ein Knoten, der Bauch bläht sich, das Aufstossen nimmt zu. Grummeln und Gluckern und ich befürchte, es wird passieren.

Oder ist es einfach, wie es immer ist, wenn die Anspannung nachlässt und ich endlich durchschnaufen kann? Ansteckungsgefahr besteht zwar noch, besteht immer. Egal, wo, wie, wann. Man kann es nicht steuern. Aber wir hatten die Kotzkäfer zu Gast. Gestern Morgen musste der Mittlere aus der Schule abgeholt werden. Dort hatte er bereits einmal das Porzellan umarmt. Daheim ging es weiter. Dreimal. Ich war jedesmal dabei. Hielt den Eimer, streichelte den sich verkrampfenden Körper, spendete Trost. Es war eklig. Das ist es. Das findet sicher jeder. Für einen Emetophobiker wie mich war das eine grosse Herausforderung. Ich hielt die Situation aus, obschon mir Gedanken durch den Kopf schossen wie ich könne mich ja anstecken, wenn Tröpfchen beim Erbrechen daneben gehen, in die Luft gelangen, ich beim Eimer ausspülen nicht genau aufpasse und und und. So ein Emo-Hirn sieht da überall Möglichkeiten. Und der Verstand kämpft auf der anderen Seite dagegen: es wird nichts passieren, vertrau auf dein Immunsystem, du hast dich bisher nie angesteckt. Und wenn es passiert, passiert es eben. Du wirst es auch so durchstehen wie dein Kind.

Während beim Mittleren neben dem Erbrechen noch Durchfall dazu kam, kämpfte die Jüngste mit Verstopfung. Zwei Microlax wollten nicht wirken. Schlaf war undenkbar. Vielleicht wäre ich nicht in den Spital gefahren, wenn daheim nicht der Kotzer die Runde machte. Denn kurz vor unserer Abfahrt ging es auch beim Ältesten los. Für ihn kam es so überraschend, dass er dabei das halbe Badezimmer beschmutzte. Während der Mann das Putzen übernahm, fuhr ich in die Stadt. Für mich war es ganz ehrlich eine gute Gelegenheit zur Flucht, wenn auch nur für zwei Stunden. Nach einer langen Wartezeit und kurzen Untersuchung durften wir aus dem Spital wieder heim. Beim Warten war die Kleine eingeschlafen und im Schlaf hatte sich der Rest erledigt. Eigentlich wollte ich gar nicht zurück nach Hause in diese Virenhölle. Gedanken schossen durch den Kopf, wohin? Im Auto schlafen? Ein Hotel? Was wenn ich mich angesteckt habe und es losgeht, dann wär ich doch lieber daheim. Sollte ich im Spital von meiner Angst erzählen. Sie würden mich schief anschauen. Komische Gedanken. Aber dann doch die vernünftige Einsicht. Mit dem Kind nach Hause ins Bett. Der Mann hatte sich aufs Sofa ausquartiert, weil es ihm plötzlich auch schummrig war. Gott war ich froh, konnte ich die Schlafzimmertür hinter mir schliessen. Während die Kleine schnell einschlief, stöpselte ich mir Entspannungsmusik ins Ohr und konnte bald auch schlafen. Die Nacht war ruhig. Am Morgen getraute ich mich allerdings kaum raus. Wie war es wohl bei den anderen gelaufen? Aber die Blase drückte. Der Mann war eben erwacht. Nichts passiert. Puh, Aufatmen! Der Mittlere sass mit einem Lächeln im Bett, es gänge ihm schon besser, wenn auch die Beine sich schwer anfühlten. Aufatmen die Zweite. Ihm ist halt flau, nichts im Magen, der Körper geschwächt. Normal. Der Grosse lag noch im Bett, ihm ging es besser. Nur noch ein zweites Mal, als ich im Spital gewesen war, hätte er erbrechen müssen. Sonst ruhig. Aufatmen die Dritte!

Der Tag gestaltete sich ruhig. Ich hatte noch einen Kontrolltermin, lief eine grosse Runde mit dem Hund, um möglichst viel Kraft und Energie zu tanken, mein Gedanken fliessen zu lassen und die Sonne zu geniessen. Es geht immer wieder weiter. Immer. Und alles ist aushaltbar.

Und Schreiben hilft mir. Während ich diese Zeilen schrieb, beruhigte sich mein Körper. Oder besser gesagt, die physischen Auswirkungen meiner Angststörung lassen nach.

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